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MODE KUNST ARCHITEKTUR

Dieser Blog ist dem Material gewidmet, der Konstruktion, der Technik, der Opulenz und der Schönheit, dem Spektakulären, Aufregenden, Anekdotischen, den kleinen Details und dem großen Gesamteindruck, der Bewegung, der Farbe, dem Vergangenen und der Zukunft.

Sonntag, 19. Februar 2012

Rolf Gutbrod: Dorlandhaus

Wie ich auf das Dorlandhaus aufmerksam wurde und schließlich viel mehr davon gesehen habe, als ich es jemals erwartet hätte, will ich an dieser Stelle nicht erläutern. Die Geschichte würde schlichtweg unrealistisch klingen und in den Bereich der Fiktion verschoben werden.

Die Fakten dagegen sind die folgenden:
Als Firmenzentrale der Werbeagentur Dorland entstand in Berlin an der Urania von 1964 bis 66 ein Bürohochhaus nach den Plänen von Rolf Gutbrod. Das 14stöckige Gebäude sollte nicht nur der Firma Dorland selbst Raum bieten, sondern als Zentrum des internationalen Werbegeschehens auch andere Agenturen anziehen. Das ebenerdig in einem Seitenflügel gelegene, damals mit modernster Technik ausgestattete Fotostudio diente ebenfalls diesem Zweck. Zusätzlich zu dem Namen Dorlandhaus ehielt das Gebäude den Titel „Haus der Werbung“. 
 
Abseits von technischen und geschichtlichen Fakten ist vor allem Gutbrods Phantasie zu erwähnen, mit der er auf der Basis des dreieckigen Grundrisses und aus den Materialien Schiefer, Beton, Edelstahl, Holz und Glas ein bis ins Detail durchdachtes Gesamtkunstwerk geschaffen hat.  


Die Spitzen des Grundriss-Dreiecks sind jeweils abgeschnitten, was bewirkt, daß das Gebäude drei breite und drei schmale Fassadenteile besitzt. Die drei breiteren Fassaden werden von einem eleganten Rhytmus aus Fensterbändern und Edelstahlplatten beherrscht, die Schmalseiten bestehen in Sichtbetonreliefs. Der charakterisch kristalline Knick, der jeweils vertikal über die gesamte Länge der drei Fassadenreliefs verläuft, wiederholt sich mehrfach im Innern des Gebäudes, beispielsweise in den Handläufen einiger Treppengeländer, und auch in den Pfeilern, auf denen das gesamte Hochhaus ruht. Und das ist einer der erstaunlichsten Aspekte des Gebäudes: dadurch, daß es im Erdgeschoß alleine von Pfeilern getragen wird, und das Foyer zu fast allen Seiten hin verglast ist, entsteht der Eindruck, daß das gesamte Dorlandhaus schwebt. Verstärkt wird dieser Eindruck zusätzlich dadurch, daß die Verglasung des Foyers an vielen Stellen ohne Rahmen direkt auf den schwarzen Schiefer trifft, mit dem die Wände der seitlich ausgelagerten Pavillons und des Fotostudios verkleidet sind, sodaß das Glas an vielen Stellen beinahe unsichtbar wird und ein fließender Übergang zwischen innen und außen besteht.


Durch das Verteilen des Gewichts auf die schmalen Pfeiler wird es der Unterseite des scheinbar schwebenden Baukörpers ermöglich, in riesigen Dimensionen auszukristallisieren. Die scharfkantigen Formen des dreieckigen Grundrisses aufnehmend, gestaltet Gutbrod die Decke des Foyers als eine riesige Skulptur in Sichtbeton. 
In dieses brachiale, höhlenhaft anmutende Ensemble aus grob gebrochenem, schwarz glänzendem Schiefer und massiven Betonelementen fügen sich elegant die filigranen Formen der Treppe und die Rauten der gläsernen Fensterausbuchtung auf der Rückseite der Eingangshalle ein. Das gesamte Arrangement bewirkt, daß der Besucher beim Betreten der Eingangshalle von einer ausgesprochen erhabenen Atmosphäre begüsst wird.

Gutbrods Dorlandhaus ist eine einzige begehbare Skulptur, die so sehr bis in jedes Detail durchgestaltet ist, daß man sich absolut in eine andere Welt versetzt fühlt.