Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...

MODE KUNST ARCHITEKTUR

Dieser Blog ist dem Material gewidmet, der Konstruktion, der Technik, der Opulenz und der Schönheit, dem Spektakulären, Aufregenden, Anekdotischen, den kleinen Details und dem großen Gesamteindruck, der Bewegung, der Farbe, dem Vergangenen und der Zukunft.

Montag, 17. Juni 2019

Schönes Wohnen - Einladung zu der Ausstellung im no cube Münster





 Zu der Austellung „Schönes Wohnen“ und den anschließenden Projektwochen im no cube Münster laden wir Euch ganz herzlich ein.

Schönes Wohnen - mit Arbeiten von
Susanne von Bülow, Satomi Edo, Verena Gründel, Ruppe Koselleck, Susanne Kutter, Thomas Prautsch, Dietmar Schmale, Julia Zinnbauer

15. Juni bis 7. Juli 2019
Eröffnung am Samstag, dem 15. Juni um 18:00 Uhr

Täglich geöffnet (16:00 –21:00 Uhr)
Projektwochen: 15. Juni - 22. Juni

no cube
Achtermannstraße 26
48143 Münster

Der Verein KiF e.V. widmet im Frühsommer sein Augenmerk u.a. dem Spannungsfeld Gentrifizierung und lädt unter dem Titel „Schönes Wohnen“ Künstler und Künstlerinnen ins Bahnhofsviertel ein. Ziel ist es, sich aus künstlerischer Sicht mit dem Wohnen, seinen Bedingungen, Einflüssen, Ausprägungen, Gefährdungen, Grenzen, Entwicklungen und mit den individuellen Wünschenzum Wohnenauseinanderzusetzen. Geplants ind drei Veranstaltungswochen, in denen die diversen Aspekte zum Thema „Schönes Wohnen“ aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln mit künstlerischen Mitteln untersucht werden. Eine Gruppenausstellung zum Thema wird die Projektwochen einleiten. Ein weiterer Schwerpunkt ist die prozesshafte Entwicklung von künstlerischen Arbeiten und Installationen zum Themenbereich und deren Präsentationen vor Ort. „Schönes Wohnen“ untergliedert sich deshalb in mehrere Abschnitte: eine klassische Gruppenausstellung und zwei Projektwochen mit unterschiedlichen künstlerischen Teams vor Ort (beides im no cube).

Susanne von Bülow und Ruppe Koselleck hinterfragen gleich zu Beginn der Ausstellung mit ihrer Aktion „Grund und Boden“ gesellschaftliche Rahmenbedingungen. Was kostet ein Quadratmeter Grundbesitz in Münsters Bahnhofsviertel? Vor Ort nimmt das Künstlerduo mit Hilfe einer Straßenwalze und von Druckerfarbe einen Abdruck der Achtermannstraße in der Größe eines Quadratmeters. Das frisch erzeugte Werk wird zum aktuellen Grundstückspreis des Viertels angeboten. Satomi Edo präsentiert orangefarbene Zelte. Sie hängen im Hof und im Außenraum der angrenzenden Großbaustelle des no cube. Die Künstlerin kommt aus Japan, in Ihrem Land bedeutet die Farbe Orange Gefahr. So kündet die Signalfarbeder Zelte: Vorsicht! Verena Gründel zeigt farbige Kunstdrucke. Ihre Sujets sind Wohnhäuser, Gärten und Pools, deren Darstellungsweise Bekanntes verfremdet, an Kunstwelten des Kinos erinnert und wie aus der Zeit entrückt wirkt. Julia Zinnbauer liebt Architektur so sehr, dass sie passende Kleidung zu architektonischen Meisterwerken entwirft. Passend gewandet, posiert sie in formschönen Kulissen und fotografiert und filmt sich mit Selbstauslöser. So entstehen seltsam anmutende, extravagant wirkende Fotografien und Filme vor solchen Gebäuden, wie dem von Oscar Niemeyer entworfenen Hauptquartier der Kommunistischen Partei Frankreichs. Für Dietmar Schmales Kunst ist dasSammeln wesentlich. Ob Kunstbücher, Materialien, altbekannte Alltagsgegenstände - weniges scheint ihn nicht zu interessieren. Aus seine Funden entwickelt er künstlerische Aussagen, in denen sich neue Wahrheiten und gesellschaftliche Abgründe auftun. Wie die Sammlung von Abbildungen verschiedenster Hotelzimmern aus Hotelkatalogen, die der Künstler im no cube präsentiert. Sie wirken in ihrer Vielzahl ernüchternd und entlarvend. Thomas Prautsch wollte ursprünglich eineneue Stadtansicht präsentieren. Er hat sich aber umentschieden und zieht einen Kellerraum, um mit einer für ihn etwas ungewöhnlichen Art, sich dem Thema „schönes wohnen“ zu nähern, das Ergebnis ist also noch offen.

Das gesamte Programm gibt es hier:

Freitag, 8. März 2019

Das elegante Bürohaus neben dem Bungalow - Teil fünf meiner Serie über Paul Schneider-Esleben in der Westdeutschen Zeitung Düsseldorf

Über Flughäfen, Weltausstellungen und futuristische Bauten und wie Paul Schneider-Esleben und Ernst Althoff die Architektur in Düsseldorf erneuerten



Der fünfte  Teil meiner Serie über Paul Schneider-Esleben und den ersten Flachdach-Bungalow, den er Anfang der 1950er Jahr entwarf, ist in der Wochenendausgabe der Westdeutschen Zeitung Düsseldorf am Samstag, dem 2. März erschienen. Nach all den kunstgeschichtlichen und politischen Zusammenhängen, von denen die bisherigen Kapiteln handelten, geht nun um das Bürohaus, das sich Erich Riedel, der Schneider-Esleben mit dem Bau des Bungalows beauftragt hatte, Ende der 60er Jahre von Ernst Althoff entwerfen ließ.


Die Moderne und die Geschwindigkeit
Gleich zu Beginn seiner Karriere setzte der Düssldorfer Architekt Paul Schneider-Esleben mit dem Bau der Hanielgarage, die nur aus einem filigranen Betongerippe, einer riesigen Glasfassade mit türkisblauen Fensterrahmen und zwei am Dach aufgehängten, elegant geneigten Rampen besteht, der Geschwindigkeit, der Bewegung und dem Fortschritt ein kristallines Denkmal. Am Stadtrand gelegen, mit einem Drive-in Motel ausgestattet und durch die Straßenbahn an das Zentrum Düsseldorfs angebunden, enstand mit der Hanielgragen ein früher Vorbote der Autogerechten Stadt nach amerikanischem Vorbild. In einem Entwurf des 1953 fertig gestellten Gebäudes hatte Schneider-Esleben sogar einen Hubschrauberlandeplatz auf dem Dach des Parkhauses eingezeichnet.

Das Fliegen, in seiner Verbindung aus Dynamik, Technik, Verwegenheit und dem dreidimensionalen Raum die ideale Fortschrittsmetapher, hatte in Schneider-Elsebens Auseinandersetzung mit der modernen Architektur zudem einen ganz biographischen Bezug. Als er zu Beginn des Zweiten Weltkrieges zum Militär eingezogen wurde, musste er sein Architekturstudium unterbrechen und eine Ausbildung zum Kampfpiloten antreten. In der Nähe seines Stützpunktes in Lothringen lernte er den Architekten Rudolf Schwarz kennen, der ihn mit den Ideen der Moderne bekannt machte. Zuvor hatte sich Schneider-Esleben im Architekturbüro seines Vaters Franz Schneider vor allem mit dem Um- und Ausbau von Schlössern und Kirchen beschäftigt. Von seinem Militärdienst wurde der Sohn schließlich befreit, da er als Architekt im Büro seines Vaters als unabkömmlich erachtet wurde. Rudolf Schwarz wurde nach dem Krieg als Generalplaner verantwortlich für den Wiederaufbau Kölns.

Der Patentanwalt und sein Bungalow
Anfang der 1950er Jahre, als Schneider-Esleben am Entwurf der Hanielgarage arbeitete, beauftragte eine junge Familie aus Düsseldorf den Architekten damit, für ihr Grundstück in Gruiten ein Wohnhaus zu planen. Für Familie Riedel baute er seinen ersten Flachdach-Bungalow nach kalifornischem Vorbild, sogar noch vor seiner ersten Amerikareise. Erich Riedel war als technischer Direktor einer Stahlbaufirma für Patente zuständig und machte sich schließlich als Patentanwalt selbstsändig. Ende der 50erjahre eröffnete er ein Büro in Düsseldorf am Hofgarten und pendelte täglich mit seinem blauen Mercedes in die Stadt. Von sich selbst sagte er, er übernehme jeden Fall, vom Patent für dreieckige Fahrradlenker bis hin zum UFO, nur für Waffen stellte er keine Patente aus. Sein Büro expandierte zunehmend, sodass er Mitte der 60er Jahre den Entschluss fasste, Paul Schneider-Esleben mit dem Entwurf eines modernen Bürohauses zu beauftragen, für das Grundstück direkt neben seinem Bungalow. Seine Klienten kamen so wie so aus der ganzen Welt, warum sollten sie nicht vom Flughafen Düsseldorf aus direkt nach Gruiten fahren? 

 
Der Flughafen Köln Bonn
Seit dem Bau der Hanielgarage und des Bungalows für Familie Riedel hatte Schneider-Esleben eine rasante Karriere gemacht, zudem haftete ihm das Image eines glamourösen Jetset-Architekten an. Immer wieder flog er in die Vereinigten Staaten - als Passiger, nicht als Pilot - und setzte sich dort mit der modernen Architektur auseinander. Als er 1961 eine Professur an der Hochschule für Bildende Kunst in Hamburg erhielt, kamen regelmäßige Flüge in die Stadt an der Elbe hinzu. Ende der 60er Jahre bekam „Schneider-Jetleben“, wie man ihn mittlerweile nannte, dann den perfekten Auftrag: er sollte den Flughafen Köln Bonn entwerfen. Aus der Frühzeit des Flughafens existiert ein Foto, auf dem der Architekt im Trenchcoat und mit seiner ledernen Aktentasche unter dem Arm über das Rollfeld läuft und man riecht förmlich den Duft des Kerosins. Den zeitgleichen Auftrag, für Erich Riedel ein Bürohaus entwerfen, musste er ablehnen, empfahl jedoch seinen Mitarbeiter Ernst Althoff als Architekten.

Der Architekt Ernst Althoff
Der Name Althoff war Familie Riedel durchaus bekannt und ein fester Bestandteil ihres täglichen Lebens. Die Möbel, die Schneider-Esleben für den Bungalow entworfen hatte, stammten allesamt aus der Schreinerei von Johannes Althoff in Krefeld. Der Sohn, Ernst Althoff, hatte zunächst eine Schreinerlehre bei seinem Vater gemacht, dann an der späteren Werkkunstschule Krefeld Architektur studiert und war schließlich in die Klasse des Architekten Hans Schwippert an der Kunstakademie Düsseldorf aufgenommen worden. Dem Material Holz blieb Althoff sein Leben lang treu und es spielt in all seinen Projekten eine Rolle, sowohl in der Architektur als auch in senen Möbelentwürfen, seinen Ausstellungskonzepten und in seinen modularen Skulpturen. Für Joseph Beuys baute er ein Bett aus Stahl und Eichenholz, allerdings entwarf er auch Serienmöbel, mit denen er zeigen wollte, dass nicht nur das individuelle Talent das Ergebnis bestimmt, sondern auch der intelligente Umgang mit Maschinen. Seine Idee einer akkuraten, mit modernster Technik durchgeführten Verabeitung des traditionellen Baustoffs Holz zeigt sich deutlich in der Treppe, die Althoff später für Riedels Bürohaus entwerfen sollte.

Hans Schwippert hatte sich in Aachen und Düsseldorf als moderner Architekt des Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg verdient gemacht und holte seinen ehemaligen Studenten Ernst Althoff 1963 als Dozent an die Kunstakademie Düsseldorf zurück. Davor jedoch war Althoff über mehrere Jahre hinweg dessen Assistent. Schwippert ließ dem jungen Architekten eine große gestalterische Freiheit, bespielsweise bei dessen Konzept für die Ausstellung „Werdendes Abendland an Rhein und Ruhr“ im Jahr 1956 in der Villa Hügel in Essen. Ihm gelang es, die Innenräume des großbürgerliches Wohnhauses der Familie Krupp in ein modernes Museum umzugestalten und präsentierte die mittelalterlichen sakralen Gegenstände in einer Atmosphäre von klösterlicher Strenge und Eleganz.


Freitag, 15. Februar 2019

Ein Bungalow in den Farben des Mittelmeeres - Teil vier meiner Serie über Paul Schneider-Esleben in der Westdeutschen Zeitung Düsseldorf

Was hat ein Flachdach-Bau im Düsseldorfer Umland mit hellblauen Autos und der Côte d’Azur zu tun?




Der vierte Teil meiner Serie über Paul Schneider-Esleben und den ersten Flachdach-Bungalow, den er Anfang der 1950er Jahr entwarf, ist am vergangenen Montag, dem 11. Februar, in der Westdeutschen Zeitung Düsseldorf erschienen. Da ich mich zu dieser Zeit jedoch auf einer sehr aufregenden, ganz der Architektur Richard Neutras gewidmeten Berlin-Reise befand, halte ich mein WZ-Exemplar erst jetzt in Händen und staune über das elegante Layout. Nach all den kunstgeschichtlichen und politischen Zusammenhängen, um die es in den ersten drei Kapiteln ging, handelt der vierte Teil von dem eigentlichen Leben in dem für die Gegend zwischen Düsseldorf und Wuppertal ungewöhnlichen Bungalow, sowie von all dem, wofür der Name Schneider Esleben steht: von cooler Architektur und dem glamourösen Jetset-Leben zwischen Düsseldorf und der Côte d’Azur.

Das Leben im Bungalow
Die Bewohner von Gruiten schauten ziemlich skeptisch, als dort auf der Parkstraße Anfang der 1950er Jahre ein Haus gebaut wurde, das so ganz anders war als die übrigen Häuser im Dorf. Eigentlich sah man gar nicht so viel von dem schmalen Gebäude, das zur Straße hin mit einer weiß fensterlosen Wand ganz abgeschlossen war. Wie weit es sich auf seinem Grundstück zwischen all den alten Bäumen nach hinten erstreckte, konnte von der Straße aus niemand erkennen. Auch das eigentliche Dach des Hauses schien lange auf sich warten zu lassen. In der Gegend um Gruiten herum beginnt das flache Rheinland langsam ins Bergische überzugehen, wo man seit Jahrhunderten mit Schiefer verkleidete Fachwerkhäuser mit spitzen Giebeln baut. Das, was sich die Familie aus Düsseldorf da errichten ließ, kannte man in Gruiten höchstens aus Hollywoodfilmen. Zumindest der hellblaue Käfer, mit dem der Vater jeden Abend nach Hause kam, sah vertraut aus. Die Erwachsenen wunderten sich, die Gruitener Kinder nahmen das Haus einfach in Besitz.

Mit einem Flachdach-Bungalow zeigte man 1952, in der gerade erst gegründeten Bundesrepublik, dass man an einen Neuanfang und an eine bessere Zukunft glaubte. Ein Flachdach war das optimistische Bekenntnis zu den Idealen der Moderne und eine Abkehr von allem, wofür das Dritte Reich gestanden hatte. Der Bungalow, den der Architekt Paul Schneider-Esleben für das Ehepaar Erich und Irmgard Riedel entwarf, war eines der ersten Wohnhäuser mit flachem Dach überhaupt, das zu dieser Zeit in Westdeutschland gebaut wurde. Die Kinder aus der Nachbarschaft, die sich mit den Kindern der zugezogenen Familie anfreundeten, ahnten weder etwas vom theoretischen Hintergrund noch vom Symbolwert des Bungalows. Sie wussten nicht, dass das Haus später einmal als „Trompetenstoß der Moderne“ in die Geschichte eingehen sollte. Intuitiv verstanden sie, worin das Besondere des Hauses lag. Um auch von den Erwachsenen nicht länger als Fremde betrachtet zu werden, gaben Riedels alle handwerklichen Aufgaben bei lokalen Betrieben in Auftrag. Einzig die Möbel, die Schneider-Esleben für sie entworfen hatte, wurden in Krefeld angefertigt, in der Werkstatt von Johannes Althoff. 

 

Wenn Irmagrd den Handwerkern die gläserne Eingangstür öffnete und diese die junge Frau mit Jeans und Pferdeschwanz nach der Dame des Hauses fragten, musste sie jedes Mal lachen. Irmgard war zusammen mit ihrem Mann Erich, der sich mittlerweile als Patentanwalt selbstständig gemacht hatte, schon oft vom nahegelegenen Flughafen aus nach New York geflogen. Dort hatte sie viel zu viel Coolness geatmet, um zu Hause eine damenhafte, Düsseldorfer Direktorengattin zu mimen. Viel mehr interessierte sich Irmgard für ihren Garten. Sie wollte im Freien sein, die Jahreszeiten und die Witterung erleben und für genau diesen ungezwungenen Lebenstil war ihr Bungalow gemacht, ganz im Sinne des kalifornischen Vorbilds. Der fließende Übergang zwischen innen und außen gehörte zu den Grundideen dieser Gebäudeform, zudem befand sich das Haus auf dem Areal einer ehemaligen Baumschule und war umstanden von schönen, großen, alten Bäumen. Im hinteren Teil des Grundstücks legte Irmgard einen Nutzgarten an. Heute würde man vermutlich von einem Biogarten sprechen. Die Kinder, die zu Besuch kamen, schwärmten ihren Eltern vor, dass es bei Riedels irgendwie ganz anders zuging und dass sogar das Essen außergewöhnlich schmeckte. Ohne genau zu wissen, was es mit der Architektur des Bungalows und der Weltanschauung seiner Bewohner im Detail auf sich hatte, spürten die Gruitener Kinder, dass dort eine Atmosphäre von Weltoffenheit und Freiheit herrschte. Aus dem zunächst noch geheimnisvollen Haus wurde bald eine Art Jugendzentrum. 
 





Während Irmgard Riedel ihren Garten kultivierte, Erich seine Callas-Platten auf dem modernen, von Schneider-Esleben entworfenen Hifi-Schrank abspielte, sich die Kinder kichernd durch den Garten scheuchten und aus dem nierenförmigen Pool kommend nasse Fußabdrücke auf dem Terrassen- und dem Wohnzimmerboden hinterließen, wehte der Wind einige Blätter ins Haus. So zogen die Jahre und die Jahreszeiten vorbei. Bis tief in den Herbst hinein spielten die Kinder draußen. Dabei war bei dem zum Garten hin weit geöffneten Haus nie so ganz klar, wo das Innen aufhörte und das Außen begann. Auch die Erwachsenen saßen auf der Terrasse, feierten, unterhielten sich und tranken Wein - bis spät in die Nacht und spät in den Herbst. Wenn es dann im Winter draußen eiskalt war, saß man im Wohnzimmer am warmen Kamin und hatte dank der bodentiefen Fenster das Gefühl, nicht im geringsten von den verschneiten Tannen getrennt zu sein.

Hellblaue Autos und das tiefblaue Mittelmeer
Einer der ersten Urlaube führte Familie Riedel nach Südfrankreich. Erich hatte Beziehungen zu Jacques Cousteau und dessen ozeanographischen Institut in Monaco und machte sich zusammen mit seiner Familie immer wieder im hellblauen, viertürigen Mercedes auf den Weg in den Süden. Dort mieteten sich Riedels ein Ferienhaus, von dessen Balkon aus man direkt auf das Meer sah. In Gruiten hatte Schneider-Esleben sämtliche Fensterrahmen des Bungalows in der Farbe der Sehnsucht und der Ferne streichen lassen, in einem hellen Blau. So wie Riedels nach Südfrankreich reisten, entwarf sich der Architekt sein eigenes Segelboot und befuhr damit das Mittelmeer. Zu dem Gefühl, im Sommer barfuß über die warmen Steine der Terrasse zu laufen und dann die kühleren Bodenplatten im Wohnzimmer unter seinen Füßen zu spüren, mochte das Hellblau der Fensterrahmen gut gepasst haben. Auch in anderen Gebäuden des Architekten taucht die Farbe immer wieder auf - im Berliner Hansaviertel, im Mannesmann-Hochhaus und auch in der Hanielgarage, beide in Düsseldorf. Mit der Hanielgarage, die beinahe nur aus Glas, türkisblauen Fensterrahmen und zwei am Dach aufgehängten, elegant geneigten Rampen besteht, hatte er gleich zu Beginn seiner Karriere der Geschwindigkeit und dem Fortschritt ein kristallines Denkmal gesetzt. 

Paul Schneider-Esleben in seinem Mercedes 190 SL vor der Rolandschule in Düsseldorf









 

Samstag, 26. Januar 2019

Der Bungalow als Symbol der Freiheit - Teil 3 meiner Serie über Paul Schneider Eslebens Haus Riedel in der Westdeutschen Zeitung Düsseldorf




Heute in der Wochenendausgabe der Westdeutschen Zeitung Düsseldorf: Teil drei meiner Serie über den ersten Flachdach-Bungalow von Paul Schneider-Esleben aus dem Jahr 1951

(...) "Von der Parkstraße aus sieht man kaum etwas von dem schmalen langen Haus, das sich in die Tiefe des Grundstücks in Gruiten erstreckt. Umgekehrt sieht man vom Haus aus auch nicht direkt auf die Straße, kein Fenster öffnet sich dort hin. Diese Abgeschlossenenheit zur Straße hin wunderte die Ur-Gruitenener Anfang der 1950er Jahre und eigentlich fehlte ja auch noch das Dach. Die typischen Bergischen Häuser der Region hatte alle ein spitzes Steildach. Das Haus auf der Parkstraße galt im Dorf als so ungewöhnlich wie seine Bewohner. Familie Riedel, die ja aus der Kunst- und Modemetropole Düsseldorf hierher ins ländliche Umland gezogen waren, betrachtete man eine ganze Weile als Exoten und ihren modernen Bungalow bedachte man mit Ausdrücken wie „Möbellager“ und „Gletscherspalte“. Klar, kantig, kristallin und cool war das Haus durchaus. Vor allem aber, und das war das Revolutionäre, vor allem aber hatte es ein flaches Dach.

Als Paul Schneider-Elseben im Jahr 1951 Riedels Bungalow entwarf, war ein Flachdach auf einem deutschen Wohnhaus sowohl eine symbolträchtige Aussage als auch eine technische und rechtliche Herausforderung. Für sich selbst hatte der Architekt noch ein Haus mit Spitzdach geplant und tatsächlich war das Gebäude in Gruiten sein erster Entwurf eines modernen Flachdach-Bungalows. Mehr als zehn Jahre später beabsichtigte Ludwig Erhard mit der Architektur Kanzlerbungalows u.a. auch, das gute Verhältnis seines Landes zur den Vereinigten Staaten von Amerika zu demonstrieren. Über die politische Dimension hinaus galt Amerika als das Land der Freiheit und des Individualismus und in keiner anderen Gebäudeform manifestierten sich diese Begriffe so perfekt wie im Bungalow.

Im Gruiten des Jahres 1951 war Schneider-Esleben mit seiner Idee eines Flachdach-Bungalows seiner Zeit jedoch weit voraus. Dass er mit sienen zukunftsweisenden Überlegungen Erfolg hatte, das hatte er kurz zuvor mit seinem Entwurf der Hanielgarage bewiesen, die einzig aus einem filigranen Betongerippe, einer Glasfassade und zwei an Drahtseilen aufgehängten, elegant geneigten Rampen besteht. Um die Mitarbeiter des Bauamtes Haan-Gruiten zu überzeugen, musste sich Schneider-Esleben jedoch etwas anderes einfallen lassen als ihnen eine große Vision von Zukunft, Fortschritt und kalifornischer Lässigkeit zu präsentieren. Ganz pragmatisch argumentierte der Architekt, er würde zuerst einmal eine Massivdecke planen, als Basis für ein weiteres Stockwerk, das erst später aufgesetzt würde. Auf diese Decke wollte er ein vorläufiges, flachgeneigtes Satteldach auflegen. Zu dieser Maßnahme sähe er sich gezwungen, da es sich bei den Auftraggebern um eine junge Familie mit beschränktem Budget handelte. Beim Bauamt reichte er einen Plan ein, auf dem das Steildach mit einer gestrichelten Linie eingezeichnet war. Unter der Bedingung, dass das Steildach zu einem späteren Zeitpunkt aufgesetzt werde, erteilte man ihm schließlich die Baugenehmigung. Tatsächlich ragen auf Riedels Grundstück bis heute einzig die hohen alten Bäume in den Himmel. Das gestrichelt eingezeichnete Steildach wurde nie gebaut. (...)




Samstag, 12. Januar 2019

Amerikanischer Architekturgeist in Düsseldorf - Teil zwei meiner Serie über Paul Schneider-Eslebens ersten Bungalow in der Westdeutschen Zeitung Düsseldorf



In der Samstagsausgabe der Westdeutschen Zeitung Düsseldorf ist nun der zweite Teil meiner Serie herausgekommen, die davon handelt, wie Paul Schneider-Esleben seinen ersten Bungalow mit flachem Dach und nach kalifornischem Vorbild im Norden von Düsseldorf gebaut hat. Und ja, ich freu' mich riesig darüber!


Den gesamten Text gibt es hier: Amerikanischer Architekturgeist in Düsseldorf

"Als Ludwig Erhard im Jahr 1963 Bundeskanzler wurde und Konrad Adenauer im Amt ablöste, beauftragte er den Münchner Architekten Sep Ruf damit, für das große Parkgrundstück hinter dem Palais Schaumburg in Bonn einen Bungalow zu entwerfen. Auf der Rückseite des klassizistischen Schlösschen, in dem sich seit 1949 das Bundeskanzleramt befand, entstand ein elegantes, flaches, transparent-schimmerndes Haus, eingebettet in die Auenlandschaft direkt am Rhein.

Flachdach-Bungalows waren zu dieser Zeit längst populär in Deutschland, dennoch waren einige Rückwärtsgewandte der Meinung, dass der Kanzlerbungalow zu schlicht und nicht majästätisch genug sei, um das Land zu repräsentieren. Wie aufsehenerregend muss es da mehr als zehn Jahre zuvor gewesen sein, einen Flachdach-Bungalow in Gruiten, einem Dorf zwischen Düsseldorf und Wuppertal zu errichten? Und wie konnte dort, in einem ländlichen Wohngebiet an der Grenze zum Bergischen Land, so kurz nach dem Zweiten Weltkrieg ein Haus gebaut werden, das genau so auch in Kalifornien hätte stehen können?"


 



Samstag, 5. Januar 2019

Ein kalifornischer Bungalow in der Provinz - Mein Artikel über ein frühes Wohnhaus von Paul Schneider-Esleben in der Westdeutschen Zeitung Düsseldorf



In der Samstagsausgabe der Westdeutschen Zeitung Düsseldorf ist am 5. Januar nun der erste Teil meiner Serie über einen sehr frühen Bungalow des Architekten Paul Schneider-Esleben erschienen: Ein kalifornischer Bungalow in der Provinz.

"Ein Wohnhaus mit einem flachen Dach zu bauen, war im Jahr 1952 in Deutschland sowohl etwas absolut Ungewöhnliches, das schwer umzusetzen war, als auch eine Handlung voller Symbolcharakter. Mit einem Flachdach traf man zu Beginn der Fünfzigerjahre in der gerade erst gegründeten Bundesrepublik eine deutliche Aussage. Man zeigte damit, dass man, so kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, an einen Neuanfang glaubte, an eine bessere Zukunft, an Funktionalität und Fortschritt. Kurz: ein Flachdach war das optimistische Bekenntnis zu den Idealen der Moderne und eine Abkehr von allem, wofür das Dritte Reich gestanden hatte.

Erich Riedel, ein junger Ingenieur und technischer Direktor einer Stahlbaufirma, ließ sich damals von dem düsseldorfer Architekten Paul Schneider-Esleben für sich und seine Familie einen Bungalow entwerfen, von dem man annimmt, dass es das erste Wohnhaus mit einem flachen Dach ist, das in Westdeutschland nach dem Zweiten Weltkrieg gebaut wurde. Zumindest handelt es sich bei Riedels Bungalow um ein sehr frühes Exemplar. Umgesetzt wurde der Entwurf in Gruiten, einem kleinen Ort in der ländlichen Gegend zwischen Düsseldorf und Wuppertal.

Insgesamt ist die Geschichte des Hauses und der Familie, für die es gebaut wurde, genau so exemplarisch für die Kulturgeschichte der Nachkriegszeit in Deutschland, wie das Haus selbst in vielen Punkten dem Inbegriff eines typischen deutschen Nachkriegs-Bungalows nach kalifornischem Vorbild entspricht.

Wenn Dagmar Riedel heute von ihren Eltern erzählt und berichtet, wie sie zusammen mit ihren beiden Geschwistern in Gruiten aufgewachsen ist, dann breitet sich vor dem Zuhörer die gesamte Chronik des Hauses wie ein elegant komponiertes Filmpanorama von Douglas Sirk aus. Opulent ausgestatteten Bilder entstehen unwillkürlich vor dem geistigen Auge, Bilder von Kindern, die ausgelassen um den Pool herumtollen, von glücklichen Menschen, die in raschelnden Kleidern abends auf der Terrasse Wein trinken während das Hausinnere warm leuchte, Bilder einer Familie, die in den Sommerferien mit dem Cabrio ins Tessin fährt. Fotos aus Modezeitschriften vermischen sich in der Phantasie mit Filmszenen der 50er- und 60erjahre und man hat beinahe selbst das Gefühl, im Sommer barfuß über die warmen Steine der Terrasse zu laufen und dann im Wohnzimmer die kühleren Bodenplatten unter seinen Füßen zu spüren. (...)"




Freitag, 9. November 2018

10 Years of www.scissorella.de - In Celebration of one Decade of my Blog SCISSORELLA Mode Kunst Architektur



Die ersten Bilder, die ich auf meine Blog hochgeladen habe: ich in einem selbst entworfenen Kleid vor einer Installation von Gregor Schneider am Museum Abteiberg in Mönchengladbach, November 2008. Meine Freundin Milva Montesano hat die Fotos damals gemacht. Danke, Milva!






























Was habe ich in den letzten zehn Jahren gemacht? Ich kann die Zeit nicht zurück drehen, aber ich kann meinen Blog zurückspulen, bis hin zu dem Tag, an dem ich zum ersten Mal auf „veröffentlichen“ geklickt habe. Das war am 9. November 2008 und ich kann mich noch genau daran erinnern, wie ich aufgeregt dachte: „Das kann doch jetzt jeder lesen!“. Natürlich hat es nicht jeder gelesen, aber es war ein Anfang. Es war der Anfang von einem Entwicklungsprozess bei dem ich sehr viel gelernt habe, Wissen generiert und viele Leute kennen gelernt habe, Fähigkeiten erlernt und mein gesamtes Weltbild erweitert habe. Der Blog ist das ultimative Medium für alles. Du kannst alles damit machen, Du hast immer einen Grund. Einen Grund, Leute anzusprechen, Gebäude zu betreten, Fakten zu erfragen, zu recherchieren. Der Blog treibt Dich an, er verändert Dich, er ist ein Teil von Dir, Deine digitale Erweiterung, die Öffnung Deines Gehirns nach außen, zur Welt. Ich wollte in keinem anderen Jahrhundert leben als in dem jetzigen, vielleicht gerade weil ich mich in meiner analogen Kindheit und Jugend so sehr mit der Vergangenheit beschäftigt habe, mit dem Mittelalter, der Renaissancekunst, Barockmusik gehört habe und die Literatur des 19. Jahrhunderts verinnerlicht habe. Jetzt gibt es das Internet und ich kann veröffentlichen, was ich will.


Januar 2009: Eine der ersten Architekturexpeditionen und eines der ersten Selbstportraits in Betongebäuden: Oscar Niemeyers Hauptquartier der Kommunistischen Partei Frankreich (Paris 1967 - 72). Das Kleid stammt von mir.





























 
 
 
Ich rolle den Blog zurück. Wie eine Schriftrolle. Oder so, wie man ein Videoband zurückspult. Wind Back. Ruckartig und abgeackt rasen hunderte von Bildern an mir vorbei. Bilder von Gebäuden, von Zweckbauten aus Beton, ich sehe Rathäuser, Rechenzentren, Bungalows, dann Architekten, Playboys, Modedesigner, dann wieder Betonoberflächen, grau und rauh, Schauspielerinnen, grobkörnigster Beton und zartester Tüll, porös alle beide, immer wieder ich, in meinen selbstentworfenen Kleidern und an den hottesten Hotspots des Universums, immer in moderner Architektur, immer in der Zukunft unterwegs, in Los Angeles, in Düsseldorf, in Brasilia, nein, es ist doch Berlin, ach egal, Hauptsache aufregend und glamourös.


Melancholisch spule ich dieses Epos, das offensichtlich mein Leben ist, bis zur ersten Szene zurück. Über dem Anfang steht ganz passend „END“. Die Protagonistin posiert in einem selbstentworfenen Kleid vor Gregor Schneiders gleichnamiger Installation, einer architektonischen Modifikation des Museums Abteiberg in Mönchengladbach im November 2008. Darunter ein Foto von mir im Innenraum des Environments, dann ich vor einer Arbeit von Rita McBride.

Samstag, 15. September 2018

FERTIG. Documentation of the groupshow at Estudio Pablo de Lillo in Oviedo, Spain




FERTIG, curated by the Spanish artist Pablo de Lillo, was opened in the context of Apertura 2018, Oviedo's gallery weekend, featuring works of

Bert Didillon
Chris Dreier
Wolfgang Flad
Klaus-Martin Treder
Alice Musiol
Jürgen Palmtag
Gary Farelly
Julia Zinnbauer
Isabel Kerkermeier


Estudio Pablo de Lillo
C/ General Zuvillaga, 12
Oviedo

September 6th - October 4th 2018


Montag, 10. September 2018

FERTIG. A Groupshow at Estudio Pablo de Lillo in Oviedo, Asturias. The second opening reception

With painter Carlos Sierra and artist and curator Pablo de Lillo in front of Wolfgang Flad's relief (to the right), a pinting by Klaus-Martin Treder (to the left) and two of my photos
 
Usually after an opening reception you are sad that it is over. But in the case of FERTIG we just did a second one on Friday, September 7th, as the show was opened in the context of the Apertura18, Oviedo's gallery weekend. What a luxury! And we were even visited by los maestros Fernando Alba and Carlos Sierra, two legendary Asturian artists. 

FERTIG - featuring works by
Bert Didillon, Chris Dreier, Gary Farrelly, Wolfgang Flad, Isabel Kerkermeier, Alice Musiol, Jürgen Palmtag, Klaus-Martin Treder, Julia Zinnbauer

Estudio Pablo de Lillo
C/ General Zuvillaga, 12
Oviedo, Spain

September 6th - October 4th 2018


In the course of the evening I had a long conversation with the Asturian painter Carlos Sierra about architecture. Even if he did not speak English and I didn't speak Spanish we talked about the house of his dreams for a long time - an UFO-building. I think we used the international language of modernism:




Sonntag, 9. September 2018

FERTIG. A Groupshow at Estudio Pablo de Lillo in Oviedo, Asturias. The first opening reception

To the left: Textile work by Alice Musiol; at the column: embroidery by Chris Dreier; to the right: mail art by Gary Farrelly












On Thursday September 7th and on Friday September 8th there were even two openeing receptions of our groupshow FERTIG at Estudio Pablo de Lillo in Oviedo, in the the North of Spain.

FERTIG was opened in the context of the Apertura 2018, Oviedo's gallery weekend, featuring works of

Bert Didillon, Chris Dreier, Gary Farrelly, Wolfgang Flad, Isabel Kerkermeier, Alice Musiol, Jürgen Palmtag, Klaus-Martin Treder, Julia Zinnbauer


Montag, 3. September 2018

FERTIG. Invitation to the groupshow at Estudio Pablo de Lillo in Oviedo, Spain

Scissorella
Photo: Chris Dreier


We kindly invite you to our show FERTIG featuring works by 

Bert Didillon
Chris Dreier
Wolfgang Flad
Klaus-Martin Treder
Alice Musiol
Jürgen Palmtag
Gary Farrelly
Julia Zinnbauer
Isabel Kerkermeier

Opening receptions on Thursday / Friday September 6th and 7th 2018, 8 p.m.


Estudio Pablo de Lillo
C/ General Zuvillaga, 12
Oviedo
SPAIN 


Donnerstag, 26. Juli 2018

STEADY SMILE MOVE. The closing party



On July 21th we celebrated the closing of my exhibition STEADY SMILE MOVE at GRÖLLE passprojects Wuppertal with a great cocktail party. There I presented an additional video that documented how Joe Brockerhoff, the legendary airbrush artist from Düsseldorf, had made an incredible portrait of me, especially for the show. His wall paintings are an eminent element of the brothel my video STEADY SMILE MOVE is about.





Samstag, 7. Juli 2018

Today in the Westdeutsche Zeitung: Thomas Frank's interview with Julia Zinnbauer about her film STEADY SMILE MOVE

The once most luxurious brothel of Düsseldorf as an overall piece of art

 

 

Today arts editor Thomas Frank published an opulent interview with me in the Westdeutsche Zeitung. 

The complete interview you can find on the newspaper's homepage.

Thank you so much, Mr Frank, I'm so glad about your comittment!



STEADY SMILE MOVE. A video and an environment by Julia Zinnbauer at GRÖLLE passprojects Gallery, Wuppertal













Der Film „STEADY SMILE MOVE“ handelt von Bert Wollersheims Gestaltung des Interieurs seiner drei ehemaligen Bordellbetriebe auf der Rethelstraße in Düsseldorf, von seinen Überlegungen und Ideen, die dahinter stehen und von der Epoche, die mit dem geplanten Abriss der drei Häuser zu Ende geht. Der ehemalige Zuhälter Wollersheim kommt im Rahmen des Films selbst zu Wort, als kreative Geist, als Künstler, als Unternehmer, als Dandy im Sinne Charles Baudelaires und vor allem als Schöpfer eines Gesamtkunstwerks. 

Der Film, der in der gleichnamigen Ausstellung in der Galerie GRÖLLE passprojects in Raum 2 zu sehen ist, wird im Zusammenhang mit einem Environment gezeigt, das aus Artefakten besteht, die allesamt aus den Häusern stammen, in denen das Video gedreht wurde. 

Eigens für die Ausstellung hat der Düsseldorfer Künstler Joe Brockerhoff ein Portrait von Julia Zinnbauer angefertigt. Brockerhoff hat bei Beuys studiert, war mit Sigmar Polke befreundet und ist der legendärste Airbrush-Künstler aller Zeiten. Von ihm stammen die Wandarbeiten in den Räumen, die in STEADY SMILE MOVE die Hauptrolle spielen.


GRÖLLE pass projects
Friedrich-Ebert-Straße 143 e
42117 Wuppertal, 7 p. m

22.06.2018 - 22.07.2018

Schwebebahn-Stop: Pestalozzistraße


English version below. 






Düsseldorfs Lage direkt am Rhein bot schon immer die besten Vorraussetzungen für den Handel und den kulturellen Austausch mit der ganzen Welt. Durch das Hofhalten von Kurfürst Jan Wellem, durch den Einfluss seiner Frau Anna Luisa de Medici und auch durch das Entstehen der Kunstakademie entwickelte sich in der alten Residenzstadt ein kulturelles Klima, in dem man gerne genießt und gerne Geld ausgiebt - für Mode, für Kunst und für das Schöne im allgemeinen. Seit Napoleons Besuch im Jahr 1811 ist Düsseldorf zudem als Messemetropole bekannt, was bis heute zum Reichtum und zum internationalen Flair der stetig wachsenden Stadt beiträgt. Auf der Königsallee wird der erwirtschafte Wohlstand schließlich zur Schau getragen, man flaniert auf und ab und hin und her, und die, die nicht reich sind, tun wenigstens so. Denn bei aller Bodenständigkeit und Leutseligkeit der Düsseldorfer gehören die ganz große Show und die Illusion ebenfalls zum Grundstock und Repertoire der Stadt.


STEADY SMILE MOVE, Filmstill: Bert Wollersheim, Julia Zinnbauer
























Während die sprichwörtlichen Milionärsgattinnen unter den alten Kastanien den Kögraben entlangschlendern, fließt ein paar Straßen weiter parallel dazu der Rhein und transportiert den Ruf und die Güter der Stadt in die Welt. Als Pendant zu den großen, öffentlichen Auftritten auf der Königsallee braucht eine Stadt wie Düsseldorf aber auch das Geheime, Verruchte und nicht minder Luxuriöse.   

Die ganz besondere Atmosphäre Düsseldorfs, die sich zwischen Glamour, Kunst, Geld, Lebenfreude, Mode, Internationalität und Illusion entspinnt, bot schließlich die idealen Bedingungen für das Entstehen eines der luxuriösestem Amüsierbetriebe der Welt. Schon in den 20erjahren des 20. Jahrhunderts war auf der Rethelstraße ein sogenannter Pensionsbetrieb gegründet worden. Im Jahr 1986 übernahm Bert Wollersheim die drei Häuser und leitete mit der spektakulären Umgestaltung des gesamten Innenraums eine ganz neue Ära auf der Rethelstraße ein. Für die Außenwelt lag immer etwas Geheimnisvolles über diesem ganz bestimmten Abschnitt der Straße. Wie es im Innern des Amüsierbetriebs tatsächlich aussah, das wusste niemand so ganz genau. Es entstanden Legenden und Geschichten, die sich um den Gebäudekomplex rankten, und wirklich sichtbar waren nur Berts riesige Stertchlimousinen, die Nacht für Nacht durch die Straßen der Stadt fuhren.  
 


















































Als der Betrieb aufgrund von internen Komplikationen vor einigen Jahren geschlossen wurde, dachte niemand in der Stadt daran, dass dieser Zustand endgültig sein sollte. Zu sehr gehörten die Erzählungen rund um die Häuser und ihren Hausherren zum Flair und zur Geschichte der Stadt. Im März 2016 hörte ich, dass die Gebäude abgerissen werden sollen. Sofort bemühte ich mich um die Möglichkeit, mir die Gebäude einmal anschauen zu können und tauchte schließlich ein in eine ganz andere, geheimnisvolle Welt, die fernab lag von jeglicher Realität. 

Gleich bei meinem ersten Besuch war mir klar, dass es sich bei all dem, wovon ich mir gerade einen allerersten Eindruck machte, um nicht weniger als ein in sich abgeschlossenes, perfekt durchgestaltetes Gesamtkunstwerk handelte. Immer wieder kehrte ich zurück auf die Rethelstraße und wenn ich einmal nicht in einem der drei Häusern war, dann träumte ich von ihnen. Ich lief hin und her und hin und her, treppauf, treppab und hin und her, draußen wurde es Tag, es wurde Nacht, die Jahreszeiten änderten sich, ich aber bekam von all dem nichts mit. Zwischen mir und der Außenwelt lagen Rolläden und Vorhänge, die auf immer verschlossen bleiben sollten. Ich verlief mich in dem Labyrinth aus Zimmern und Fluren und verlor mich in einem Kaleidoskop aus Spiegeln, deren Facetten den Raum in die Unendlichkeit vervielfältigten. 


Foto: Julia Zinnbauer
Eigens für die Ausstellung hat konnte ich den Düsseldorfer Künstler Joe Brockerhoff dafür gewinnen ein Portrait von mir zu sprayen. In den 1980er Jahren fertigte Brockerhoff großflächige, opulente Wandarbeiten für Bert Wollersheims Bordell auf der Rehtelstraße an.



Dienstag, 3. Juli 2018

Cloud Stairs / Letter to Ludwig von Lilienthal

Kalligraphie















Im Rahmen der Kunst- und Museumsnacht Wuppertal habe ich in der Galerie Oktogon am vergangenen Freitag eine Lecture-Performance durchgeführt, die ganz der Schönheit, der Geschichte und der geheimnisvollen Atmosphäre des achteckigen Pavillons im Klophaus-Park gewidmet ist. Das filigrane, klassizistische Gebäude geht auf Ludwig von Lilienthal zurück. Er war Modewarenhändler, Mäzen, Maler und Dichter.






















Lieber Ludwig von Lilienthal,

Anfang Juni, wenn morgens ein hellrosa Flirren über der Stadt liegt und die warmen Luftschichten bewirken, dass alles aussieht, als sei der Blick über die Stadt mit einem grobkörnigen Film aufgenommen worden, wenn die Tage hell und glänzend und die Nächte kurz sind und nach Linden riechen, dann ziehen sich die Kanadagänse im Park ihre großen, dunkel schimmernden Schwanzfedern aus. Zu dieser Zeit sind die Gänsejungen schon recht selbstständig, sodass die schwarz-grau-weißen Eltern sich in Ruhe hinsetzen und sich ihrem Gefieder widmen können. Dann liegen an dem See, an dem ich jeden Morgen vorbeilaufe und von den würdig daherschreitenden Waservögeln begutachtet werde, wie Blüten ausgebreitet die schönsten Federn in unterschiedlichsten Größen und Formen. Hebt man sie auf und fühlt das feste elastische Material, dann erhält man eine Ahnung davon, wie der Mensch das Schreiben entwickelt hat, wie der Schwung der Schrift mit den Schwingen der Vögel und deren geschwungenen Flugbahnen zusammenhängt.

Mit einer dieser Federn schreibe ich Ihnen nun, Herr von Lilienthal. Als Inhaber und Leiter eines modernen, international ausgerichteten Kaufhauses in der Industriemetropole Elberfeld würden Sie mir heute wahrscheinlich eine E-Mail schreiben. Da Sie jedoch als Modewarenhändler, Mäzen, Maler UND Dichter bekannt sind, denke ich, Sie können mir mein romantisierendes Schreibwerkzeug nachsehen. Jemandem, der sich auf einem Berg namens Wolkenburg, auf dem niemals das Bestehen einer tatsächlichen Burg nachgewiesen werden konnte, ein wahrhaftes Märchenschloss gebaut hat, dem darf und sollte man mit der Feder schreiben, auch im Jahr 2018. Denn das verbindet uns beide wahrscheinlich – wir haben beide ein Faible für Mode, Kunst, Literatur und Architektur und sind mithilfe unserer Phantasie in der Lage, zwischen den Jahrhunderten hin und herzuspringen.

Alles, was ich über Sie lese, fasziniert mich und Sie reihen sich ein in meine Entourage außergewöhnlicher Herren, die allesamt beschlossen haben, Ihr Leben als Gesamtkunstwerk zu betrachten und für das Schöne zu kämpfen. (...)







Linkwithin

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...