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| Das Kleid für die Autogerechte Stadt, Stadtmuseum Düsseldorf, Ausstellungsansicht |
Seit kurzem ist meine zweiteilige Arbeit "Kleid für die Autogerechte Stadt" in der ständigen Ausstellung des Stadtmuseums Düsseldorf zu sehen. Das Kleid bezieht sich auf den Schwung und und die elegante Form des Tausendfüßlers, der Hochstraße von Friedrich Tamms, die bis zu ihrem Abriss zu dem modernen Architekturensemble des Dreischeibenhauses und des Schauspielhauses in Düsseldorf gehörte. Ich freue mich sehr darüber, dass die zweiteilige Arbeit nun am Ort ihrer Inspiration präsentiert wird, zwischen dem Wiederaufbauplan von Bernhard Düttmann aus dem Jahr 1946 und dem Modell der Autogerechten Stadt von Friedrich Tamms (vorne), die gegen die Proteste von Berhard Pfau, dem Architekten des Schauspielhauses.
Im Jahr 2017 war das "Kleid für die Autogerechte Stadt" in der Ausstellung "A hard Place" in der 500X Gallery in Dallas/Texas zu sehen, 2019 war es Teil meiner Ausstellung "FLYOVER - Los Angeles und die Architektur der Nachkriegsmoderne in Düsseldorf". Für den Entschluss, meine Arbeit so phantastisch zu präsentieren bedanke mich ganz herzlich bei dem Kurator Bernd Kreuter, Leiter der Abteilung 20. Jahrhundert und Junges Rheinland.
Den folgenden Text stammt aus dem Jahr 2014, aus der Entstehungszeit des Kleides:
Architektur
und Mode - Das Kleid für eine Fahrt durch die Autogerechte Stadt
Die
Bewegung ist eines der Elemente, die eine Verbindung zwischen
Kleidung und Architektur darstellen. Durch ein Gebäude muss man sich
erst einmal hindurch bewegen, um es in seiner Gesamtheit verstehen zu
können. Die Architektur verführt den Betrachter durch ihre Formen
und Materialien dazu, sich in Bewegung zu setzen und zieht ihn auf
diese Weise Schritt für Schritt in ihren Bann. Ähnlich verhält es
sich mit Kleidung. Sie muss in der Bewegung funktionieren, verleitet
den Träger aber auch durch ich Proportionen, Volumina, Materialien
und Formen, sich auf die eine oder die ganz andere Art und Weise zu
bewegen, sich zu halten und sich zu positionieren.
In
meinen Arbeiten begebe ich mich immer wieder auf die Suche nach den
Zusammenhängen zwischen den verschiedenen Kunstformen, sei es in der
Mode, der Literatur, der Architektur oder der Bildhauerei. Bewegungen
lassen sich in Rhythmen übersetzen und somit auch in Proportionen,
ganz unabhängig vom jeweiligen Material. Ein ideales Medium, um eine
Verbindung zwischen verschiedenen Kunstformen herzustellen, ist der
Film. In meinem Video mit dem Titel „surveillance souterraine“
(2014) war es beispielsweise mein Ziel, die Linien und Proportionen
dreier U-Bahnhöfe in Bewegungen umzusetzen und darüber hinaus
Kostüme zu entwerfen, die den Materialien und Proportionen der
Gebäude entsprechen.
Die
Autogerechte Stadt
Seit
dem 20. Jahrhundert spielt im Verhältnis zwischen Architektur und
Bewegung noch ein weiterer Aspekt eine Rolle: das Automobil. Städte
breiteten sich seit dem frühen 20. Jahrhundert parallel zu der immer
schneller wachsenden Anzahl von Automobilen zu riesigen bebauten
Flächen aus, wie beispielsweise Los Angeles, oder wurden nach dem
Zweiten Weltkrieg in sogenannte autogerechte Städte umgebaut - mit
breiten Durchgangsstraßen und neu angelegten Wohngebieten an der
Peripherie. Eine dieser Trabantenstädte ist das Märkische Viertel
in Berlin, das in den Sechzigerjahren u. a. von Georg Heinrichs
geplant wurde. Wer hier kein Auto hat, dem fällt es schwer, in den
speziellen Genuss der modernen Großstadt zu gelangen.

Georg
Heinrichs selbst legt großen Wert darauf, dass er für seine
Architektur die elegante horizontale Form gegenüber der aggressiven
vertikalen bevorzugt. Dieser Lebenshaltung entsprach auch der Jaguar,
den der heute 89jährige bis vor wenigen Jahren fuhr. Einige seiner
Wohnbauten flankieren die Achse, die durch einen Großteil von Berlin
verläuft und in die Straße des 17. Juni mündet, nachdem sie sich
durch ein weiteres Sinnbild der autogerechten Stadt verzweigt - durch
den mehrspurigen, von Nachkriegsarchitektur umstandenen Kreisel des
Ernst-Reuter-Platzes.Der
Höhepunkt in Heinrichs Autofahrer-Architektur ist jedoch die
Wohnbebauung in der Schlangenbader Straße. Dort überbaute Heinrichs
gegen Ende der Siebzigerjahre mit der riesigen, in die Länge
gezogenen Wohnanlage einen Autobahnabschnitt mitten in Berlin. Die
Straße verläuft über die gesamte Länge des Gebäudes hinweg,
parallel zu den Hausfluren und im gleichen Schwung.
Der Tausendfüßler
Ein
weiteres ideales Beispiel für die Verbindung von Funktionalität,
Dynamik und Schönheit war die „Tausendfüßler“ genannte
Düsseldorfer Hochstraße bis zu ihrem Abriss im Jahr 2013. Ästheten
schätzten die Feingliedrigkeit und elegante Linienführung, den
weichen, dynamischen Schwung mit dem der Tausendfüßler
zwischen den Karees der Innensatdt hindurchglitt, eine zweite Ebene
ins Bild legte und den Blick der Passanten immer wieder in Richtung
Himmel führte. Der Tausendfüßler war die ideale Verkörperung des
Form-follows-Function-Gedanken. Er war schön, er war funktional, er
war kostengünstig und vor allem genoss er die Sympathie der
Bevölkerung. Alleine die Verschalung sah bereits aus wie eine
riesige, kühn geschwungene Holzskulptur, die man mitten in der Stadt
aufgebaut hatte, wie der Rücken einer riesigen Taube.
Die
unglaublich geschwungene, filigrane des Tausendfüßlers wirkte sich
unmittelbar auf den Schwung des Autofahrers aus, der dynamisch nach
oben rauschte, sich einen Überblick über die moderne Großstadt
verschaffte, um dann auf der Höhe des Dreischeibenhauses in einer
eleganten Bewegung wieder nach unten und aus der Stadt heraus rollte.
Meine
jahrelange Auseinandersetzung mit der Architektur der
Nachkriegsmoderne bringt mich immer wieder dazu, Kleider und Kostüme
zu entwerfen. Das unentwegte Besuchen, Befahren und Betrachten des
Tausendfüßlers bis hin zu dessen Abriss sowie meine Überlegungen
hinsichtlich einer Fahrt mit Georg Heinrichs durch Berlin als
autogerechte Stadt führten schließlich zu dem hier gezeigten Kleid.
Wo Linien am idealsten über den Körper verlaufen frage ich mich
genau so, wie ich die Straßen einer Stadt abfahre. Es geht um das
Offenlegen von Konstruktionen, um Transparenz, um Allansichtigkeit
aber auch um sie Geschichten, die alles zusammenhalten. Ob die Fahrt
mit dem Architekten Heinrichs jemals stattfinden wird, das wird die
Zukunft zeigen.