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MODE KUNST ARCHITEKTUR

Dieser Blog ist dem Material gewidmet, der Konstruktion, der Technik, der Opulenz und der Schönheit, dem Spektakulären, Aufregenden, Anekdotischen, den kleinen Details und dem großen Gesamteindruck, der Bewegung, der Farbe, dem Vergangenen und der Zukunft.

Samstag, 8. Dezember 2012

Staatstrauer: Zum Tode Oscar Niemeyers


Das, wovor ich nun jahrelang Angst hatte, ist am Mittwochabend eingetreten: Oscar Niemeyer ist gestorben. Daß Niemeyer ein großer Architekt war, steht außer Frage, er war aber auch einer der wenigen Künstler, die nicht nur große Visionen hatten, er war auch in der Lage, sie in die Realität umzusetzen. Einen Regierungspräsidenten wie Juscelino Kubitschek, der euphorisch an eine moderne Zukunft des Landes glaubt, hat nicht jeder in seinem Team. Mehr noch: Niemeyer gelang es nicht nur, seine groß angelegten Ideen zu verwirklichen, er lebte auch lange genug, um sein Werk zu genießen. In wenigen Tagen hätte er seinen 105. Geburtstag gefeiert. 

Yasemin Dincer in "Dimmi dove vanno", 2010
Oft sah man in Reportagen, wie Niemeyer in seinem Atelier an der Copacabana  am Schreibtisch saß, mit Blick auf den Strand das Verhältnis zwischen Architektur und Landschaft erläuterte und dazu mit einer dicken schwarzen Linie ein futuristisches Gebäude oder eine leichtbekleidete Badende skizzierte. Man kann sich vorstellen, daß Niemeyers Weigerung den Zeichenstift aus der Hand zu legen in Verbindung mit der Aussicht auf die brasilianische Küste und dem entsprechenden Klima dazu beigetragen haben, daß der Architekt scheinbar das ewige Leben hatte. Man hat das typische Bild vor Augen, wie er die Linien seiner Gebäude direkt von den Kurven der Mädchen ableitete, die vor seinem Bürofenster in der Sonne lagen, was er mit Aussagen wie „Form follows feminine“ zudem untermauerte. Dennoch war es ihm ein ernstes Anliegen, das Phantasievolle, Barocke, Opulente mit dem Technischen zu verbinden. Tatsächlich fand man in Europa in den Vierzigerjahren Niemeyers Freizeitgebäude für die Satellitenstadt Pampulha schlichtweg zu verspielt und es folgten lange Auseinandersetzungen zwischen Niemeyer und seinem großem Vorbild LeCorbusier. Eine noch größere Abstraktion der Formen waren die Folge und eine noch größere Dimensionierung der Baukörper, und dank Kubitscheks unbedingtem Willen zur Modernisierung des Landes schließlich der Bau Brasilias.

Niemeyer hat Formen geschaffen, die niemals aus der Mode geraten sind. Das Prinzip des Gesamtkunstwerkts hat er nicht nur auf einzelne Bauten angewendet sondern von Anfang an auf gesamte Gebäudeensembles, von Pampulha zu Beginn seiner Karriere, über Brasilia bis hin zu den Kulturbauten in der Rio gegenübergelegenen Stadt Niteroi, die erst in den letzten Jahren entstanden.

"Je ne dis pas où", 2009
Als Reaktion auf Niemeyers Tod hat man in Brasilien nun eine dreitägige Staatstrauer ausgerufen, aber auch ich habe einen meiner persönlichen Helden verloren. Zwei meiner Videos spielen in seinen Gebäuden und ich werde es nie vergessen, wie ich vor einigen Jahren in Paris in Niemeyers kommunistischen Kuppelsaal trat, das Licht einschaltete und die Neonlampen hinter den tausenden weißen Schuppen der Decke klack-klack-klack nacheinander ansprangen und die unterirdische Halbkugel in ein überirdisches Gleißen tauchten. Aus dieser Situation entstand das Video „Je ne dis pas où“ (Link), dem etwas später „Dimmi dove vanno“ (Link) folgte, in dem einige Szenen in Niemeyers „Superquadra“ im berliner Hansaviertel spielen. Wer Brasilia noch einmal im Zustand kurz nach der Einweihung in den frühen Sechzigerjahren erleben möchte, dem empfehle ich wie immer den Film „L’Homme de Rio“ (Link).

Screenshot aus "Dimmi dove vanno": abgelenkt von Niemeyers Gebäude im Hansaviertel verliert die Darstellerin nun endlich ihren Verfolgungsauftrag aus den Augen