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MODE KUNST ARCHITEKTUR

Dieser Blog ist dem Material gewidmet, der Konstruktion, der Technik, der Opulenz und der Schönheit, dem Spektakulären, Aufregenden, Anekdotischen, den kleinen Details und dem großen Gesamteindruck, der Bewegung, der Farbe, dem Vergangenen und der Zukunft.

Sonntag, 25. März 2012

Bitumen, Altöl und Kerosin: Comme des Garçons und der Duft des Industriezeitalters


Als ich anfing, mich für die Funktionalität und Schönheit von Industriearchitektur zu begeistern, beschäftigte ich mich zunehmend auch mit Arbeitskleidung. Die Schwarz-Weiß-Kaue war beispielsweise ein wichtiges Thema, in der die Bergarbeiter ihre saubere Kleidung in Körben unter der Decke aufgehängt verwahren um dann in ihrer Arbeitsmontur in die Grube einzufahren. Jahrelang dem Kohlestaub ausgesetzt und immer wieder ausgekocht und geflickt, erreicht schließlich jedes ehemals weiße Wams und jede Hose eine ganz individuelle Färbung.
Bergarbeiter-Anzug: Scissorella, Foto: M. Lutter
Comme des Garçons 2
Ich fuhr mit der Bahn das ganze Ruhrgebiet ab und nachdem ich mich bis dahin vor allem mit der Mode bis etwa 1900 beschäftigt hatte, fesselten mich nun Filme wie „Der Zug“ (John Frankenheimer, 1964) und „Knotenpunkt Bhowani“ (George Cukor, 1956). In letzterem manifestiert eine von Ava Gardner dargestellte, attraktive Halbinderin ihre Zerrissenheit zwischen Tradition und Moderne, indem sie sich uns einerseits in opulenten Saris, andererseits aber auch in straffen 40erjahres-Zugbegleiter-Uniformen in Gefahr begibt.
Zeltplanen-Kostüm: Scissorella, Foto: M. Zimmermann
Clärenore Stinnes Reise mit dem Automobil um die Welt im Jahr 1927 faszinierte mich (Link), U-Boote und Flugzeuge sowieso und bei frischgeteerten Straßen fuhr ich immer etwas langsamer, um in den vollen Genuß der Teerdämpfe zu kommen. Genau so wollte ich auch riechen, aber wie sollte man das anstellen? Eine Mischung aus Teer und Kerosin schwebte mir vor, aus frischem Beton und diesem alten, matt klumpigen Maschinenöl, das besoders gut riecht, wenn die Sonne darauf scheint.


„Alt Innsbruck“ hieß dann irgendwann die Lösung, ein seit Jahrzehnten mit Auszügen aus echtem Virginia-Tabak hergestellter Altherrenduft, der zwar nicht direkt nach dem Maschinendeck eines Ozeandampfers riecht, zumindest jedoch die Assoziation eines Nachmittags beim Tanztee auf der Rheinterrasse weckt.
Erst als im NRW-Forum im Rahmen der Radical-Advertising-Ausstellung ein Comme-des-Garçons-Guerillia-Store eröffnete, wurde mir eines klar: so absurd waren meine Überlegungen garnicht. Unter dem Namen „Serie 6: Synthetic“ erhält man bei dem japanischen Modelabel drei verschiedene Düfte, die allesamt dem Industriezeitalter gewidmet sind. „Garage“ enthält u.a. Kerosin, „Skai“ soll an den Duft eines seit den 70erjahren hergestellten Kunstleders erinnern und „Tar“ erfüllt den Wunsch nach typischem Teergeruch. „Tar von Comme des Garçons entführt Sie in einen Stau an einem heißen Sommertag“ heißt es auf der Seite „Aus Liebe zum Duft (Link). Endlich!

Schließlich entschied ich mich dann aber doch für das Vettiveru-Wässerchen aus der Serie 4, das gleichzeitig so geheimnisvoll, opulent und cool duftete, daß ich all meine Bitumen-Träume ad acta legte. Ich kann mir ja immernoch etwas aus dem Glas, in dem ich mein altes Maschinenöl aufbewahre, herauskratzen und es mit meinem mittlerweile verharzten Patchouli mischen, zusammen mit einem ordentlichen Schuß Grubengeist ist das vermutlich genau das Richtige für ein Rendez-Vous in gepflegtem Ambiente.

Kürzlich hat sich meine Sammlung nun erweitert, und zwar habe ich über die Kollegen von Stylish Kids in Riot (Link) bei einer Comme-des-Garçons-Duft-Verlosung eine metallenes Fläschchen gewonnen. Es trägt die Nummer 2 und ist so schön in eine Plastikfolie einvakuumisiert, daß ich die wunderbar technisch anmutende Verpackung eigentlich nicht zerstören will. Eins weiß ich jedoch: Patchouli und Vetivier sind mit von der Partie und so kann man sich mit der Tinktur vermutlich recht adäquat das Gemüt berauschen.