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MODE KUNST ARCHITEKTUR

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Montag, 5. August 2019

FLYOVER - Ein Interview über meine Ausstellung im Stadtmuseum in der Westdeutschen Zeitung Düsseldorf



„FLYOVER“ im Stadtmuseum Düsseldorf: Künstlerin Julia Zinnbauer zeigt in ihrer Ausstellung, wie sich hiesige Architekten nach dem Zweiten Weltkrieg von kalifornischen Baumeistern inspirieren ließen.



Bereits am 29. Juli erschien in der Westdeutschen Zeitung Düsseldorf ein Interview mit mir, in dem ich über meine Ausstellung berichte, die seit dem 3. August im Stadtmuseum Düsseldorf zu sehehen ist. Vielen herzlichen Dank an den Kulturredakteur Herrn Thomas Frank für die Möglichkeit, so umfassend auf seine Frangen eingehen zu können.


Frau Zinnbauer, als es nach dem Zweiten Weltkrieg darum ging, Düsseldorf wiederaufzubauen, flogen Architekten wie Paul Schneider-Esleben oder Walter Brune nach New York, Chicago oder Los Angeles, um sich dort anregen zu lassen. Was trieb sie in die Vereinigten Staaten?

Durch den Zweiten Weltkrieg wurde die gesamte Entwicklung der Moderne in Deutschland, die bereits so weit fortgeschritten war, unterbrochen und das Land war jahrelang kulturell isoliert. Nach der Schließung des Bauhauses in Dessau (1932) und in Berlin (1933) wanderten Architekten wie Mies van der Rohe und Walter Gropius nach Amerika aus, setzten ihre Arbeit und ihre Lehrtätigkeit u.a. in Chicago und Havard/Cambridge fort und verfeinerten dort in den folgenden Jahren ihre Ideen. Diese Konzentration des architektonischen Fortschritts in den Vereinigten Staaten veranlasste nach dem Krieg zahlreiche junge deutsche Architekten, nach Amerika zu reisen, um etwas über modernes Bauen zu lernen. Auf diese Weise gelang es ihnen aber auch, einen ideellen Anschluss an das Bauhaus herzustellen. 

Walter Brune ist einer dieser Architekten, die immer wieder nach Amerika reisten und so die Bauhaus-Architekten dort kennen lernte. Über Jahre hinweg arbeitete er dann eng mit Marcel Breuer zusammen. Die Begesiterung, mit der Düsseldorfer Architekt heute noch vom Bauhaus spricht zeigt, wie sehr er von den Idealen der Moderne durchdrungen ist.Tatsächlich wurden aber auch ganze Architekten-Bildungsreisen organisiert, wie z.B. durch die Deutsche Aluminiumzentrale. Auf diese Weise gelangte z.B. die Idee der Vorhangfassade nach Deutschland. 

Eine große Rolle spielten zu dieser Zeit auch amerikanische Fachzeitschriften, sowohl in der Kunst als auch in der Architektur und auch Bauherren informierten sich auf diese Weise. Der junge Walter Brune las damals amerikanische Architekturzeitschriften und wandte sein so erworbenes Wissen über modernes, funktinoales Bauen beim Entwurf der Zeche Prosper Haniel in Essen an, die ein großer Erfolg wurde. Daraufhin flog er zu ersten Mal nach Amerika, um sich die Architektur vor Ort anzuschauen und lernte in Kalifornien Richard Neutra kennen.

In dem Bungalow, den er schon zu Beginn der 50er Jahre in Düsseldorf für sich selbst baute, vereinen sich seine eigenen Ideen mit seiner Begeisterung für das Bauhaus und den Erfahrungen, die er mit der Architektur des „Mid-Century-Modernism“ in Kalifornien gemacht hat. Zudem ist das Gebäude ein ganz frühes Beispiel für ein Wohnhaus mit Flachem Dach in der Nachkriegszeit.

Pierre Koenig: Stahl House, Los Angeles 1959 (Foto: Julia Zinnbauer 2009)



In Ihrer Ausstellung geht es um die Verbindungen zwischen Los Angeles und Düsseldorf. Wollten die Düsseldorfer Architekten ihre Heimatstadt „kalifornisieren“?


Ich denke, dass die Düsseldorfer Architekten ihre Stadt nach dem Krieg zunächst einmal wieder aufbauen und in diesem Zug auch modernisieren wollten, beispielsweise indem sie dringend benötigten Wohnraum schufen, neue Stadtteile anlegten und Düsseldorf zur autgerechten Stadt umgestalteten. 

Allerdings war es in der gerade erst gegründete Bundesrepublik darüber hinaus sehr wichtig, auch nach außen Demokratie und die guten Beziehungen zu den Vereinigten Staaten zu demonstrieren, erst recht angesichts des Kalten Krieges. Architektur wurde als Symbol für den Neuanfang nach dem Zweiten Weltkrieg eingesetzt. Ein schönes Beispiel dafür ist der Kanzlerbungalow in Bonn, den Ludwig Erhard bei Sep Ruf in Auftrag gab. Das Gebäude sollte ein demokratisches, modernes Deutschland repräsentieren, in die Zukunft weisen und gleichzeitig an die Ideale der Weimarer Republik anknüpfen, architektonisch wie symbolisch.
Die Idee des Bungalows stammt zwar ursprünglich aus Indien, verbreietet sich jedoch über Umwege im 19. und frühen 20. Jahrhundert in ganz Nordamerika. Der Kalifornische Bungalow hat dabei immer eine besondere Rolle gespielt, was noch dadurch verstärkt wurde, dass die in Los Angeles ansässige Zeitschrift „Arts and Architecture“ ab 1948 das so genannte Case Study Program lancierte. Die Häuser, die im Rahmen dieses Programms entstand sind, beispielsweise von Richard Neutra, Pierre Koenig und dem Ehepaar Eames, haben bis heute einen Einfluss darauf, was wir unter einem typischen kalifornischen Bungalow des „Mid-century Modernism“ vorstellen. Als der Kanzlerbungalow zwischen 1963 bis 1966 in Bonn gebaut wurde, stand wohl kaum eine Gebäudeform mehr für den Begriff der Freiheit und der Individualität des Einzelnen als der Bungalow in all seiner Klarheit und Einfachheit und mit seinen Ursprüngen, die tief in der nordamerikanischen Kultur verwurzelt sind.
In Düsseldorf hatten die Architekten Walter Brune und Paul Schneider-Esleben jedoch schon mehr als zehn Jahre zuvor damit begonnen, Bungalows zu entwerfen und bauen. Sie transportierten bereits Anfang der 50er Jahre das typische kalifornische Lebensgefühl von Freiheit, Lässigkeit und Coolness in die Stadt und in den 60er Jahren Jahren flog sogar der Architekt Richard Neutra mit seinen Entwürfen mehrfach von Los Angeles aus nach Düsseldorf.
Insgesamt handelt die Ausstellung FLYOVER auch von Kalifornien als ewigem Sehnsuchtsort und als Lebensgefüht, und dafür ist der Bungalow einfach auch das ideale Symbol.

Mit welchen Bau-Ideen kamen die Düsseldorfer Architekten aus Amerika zurück und wie kamen sie in der Stadt am Rhein an?

Düsseldorf übernahm damals gleich mehrere absolut innovative Ideen aus den Vereinigten Staaten. Mit der Horten-Zentrale von Helmut Rhode entstand 1960 das erste Gebäude des frisch angelegten Büroviertels Am Seestern und damit gleichzeitig das erste Großraumbüro Deutschlands.
Das Kö-Center auf der namensgebenden Prachtallee ist wiederum ein ganz frühes Beispiel für ein Einkaufszentrum nach Amerikanischem Vorbild und wurde 1967 eröffnet. In seinen klaren, rechtwinkligen Formen und mit seiner matt schimmernden Aluminiumfassade besteht das Kö-Center aus einem Ensemble verschiedener Geschäfte, einer Disco und einem Hochhaus, das mit der Inschrift „Aluminium-Zentrale“ gekrönt ist.

Die Vorhangfassade ist, wie schon erwähnt, ebenfalls eine Errungenschaft, die zu dieser Zeit von Amerika nach Deutschland kam und für das Aussehen unzähliger Verwaltungsgebäude aus dieser Zeit verantwortlich ist.

Ich denke aber, daß vor allem der Bungalow in Düsseldorf, aber auch in ganz Westdeutschland, auf eine besondere Begeisterung stieß. Praktisch, funktional, in allen Größen skalierbar, stand und steht er einfach für ein positives, optimistisches Lebensgefühl. Es macht einfach Spass, das Wohnzimmerfnster zu öffnen und den Innenraum übergagnslos in den Garten zu erweitern. Das ist Freiheit und Lebendigkeit.







1959 gewann Helmut Rohde den Wettbewerb für den Bau der neuen Horten-Zentrale am Bürostandort Seestern. Der Bau bot die ersten Großraumbüros Deutschlands. Als Vorbild diente die Zentrale der US-Lebensversicherung "Connecticut General Life Insurance" in Bloofield. Wie genau sahen die amerikanischen Einflüsse aus?

In der Horten-Zentrale kommen gleich mehrere sehr interessante Aspekte zusammen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde mit dem Areal „Am Seestern“ ein ganz neues Büroviertelangelegt. Die Horten-Zentrale ist das erste Gebäude, das dort entstanden ist und zugleich das erste Großraumbüro nach Amerikanischem Vorbild, das in Deutschland gebaut wurde. Zudem hat es einen offenen, flexiblen Grundriss und natürlich eine amerikanische Vorhangfassade. Darüber hinaus startete von der Horten-Zentrale aus auch der Siegeszug der so genannten Hortenkachel, dem Fassadelement, das bald in ganz Deutschland seine Verbreitung finden sollte.


Welche Bauten in kalifornischer Manier finden sich heute noch in Düsseldorf?

Ich komme immer wieder auf die beiden Architekten Walter Brune und Paul Schneider-Esleben zurück. Walter Brune ist zwar für seinen umfassenden Beitrag zur Entwicklung der Einkaufsgalerie bekannt, wie z.B. der Kö-Galerie und den Schadow-Arkaden. Davorn abgesehen hat er allerding in Düsseldorf und Umgebung mehrere ausgesprochen elegante, minimalistisch-strenge Bungalows gebaut, inclusive seines eigenen.




Bungalow von Paul Schneider-Esleben in Hahn Gruiten



Als ich Dion Neutra, Richard Neutras Sohn, bei meinem Besuch das Buch über Walter Brunes Bungalows zeigte, sagte er zu mir, dass ihn Brunes Bungalows an Richard Neutras Kaufman House in Palm Springs erinnern sowie an Pierre Koenigs Stahl House in Los Angeles. Beide Gebäude sind unter Architekturliebhabern absolute Sehnsuchtsorte an der amerikanischen Westküste.

Von Paul Schneider-Esleben existiert u.a. ein Wohnhaus mit flachem Dach nach kalifornischem Vorbild in Gruiten, zwischen Düsseldorf und Wuppertal. Und in Wuppertal selbst hat Richard Neutra in den 60erjahren zwei große Bungalows realisieren können.


Davon abgesehen kann man ja sagen, dass nachdem sich die kalifornische Bungalow-Idee erst einmal in West-Deutschland etabliert hatte, ganze Wohngebiete aus Bungalows angelegt wurden - so beliebt wurde diese Wohnform nach einiger Zeit.




In Ihrer Schau geht es aber auch darum, dass US-amerikanische Architekten wie Richard Neutra von Los Angeles mit ihren Entwürfen an den Rhein und ins Bergische Land kamen. Welche Architekturen wollte Neutra realisieren bzw. hat er realisiert?

Richard Neutra nahm Ende der 50er Jahre am Wettbewerb für den Entwurf des neuen Schauspielhauses teil. Ich habe mir Neutras Pläne und seine Korrespondenz mit Friedrich Tamms, dem damaligen Oberstadtdirektor, im Archiv der UCLA in Los Angeles angeschaut und war fasziniert davon, wie Neutra in die technischen Zeichnungen im Nachhinein seine typischen Pflanzen eingezeichnet hatte. Die Idee des fließende Übergang zwischen Architektur und Natur war ja auch in Neutras Bungalowentwürfen von großer Bedeutung. Obwohl Neutra seinen Entwurf des Schauspielhauses über einen langen Zeitraum hinweg mit großem Interesse und Aufwand betrieb und er mit zusammen mit Bernhard Pfau in die Endrunde gelangte, wurde schließlich dessen organisch geschwungener Entwurf umgesetzt.

Auch Neutras Entwurf für einen groß angelegten Bungalow für Gabriele und Konrad Henkel wurde leider nicht gebaut. Das Ehepaar zog den Auftrag nach diversen Änderungen und langem Überlegen zurück. Als Begründung gaben sie an, dass sie befürchteten, dass die großen Fenster ungewollte Enblicke in das Privatleben der Familie gewährten.
In Wuppertal hat Richard Neutra hingegen in den 60er Jahren zwei phantastische Bungalows gebaut, Haus Kemper und Haus Pescher. Wie es ihm gelungen ist, durch die perfekt aufeinander abgestimmten Formen und Proportionen und dem Zusammenspiel kostbarer Materialien, abgestimmt auf das hiesige Klima und unter dem Einsatz all der Charakteristika, die einen typischen kalifornischen Bungalow ausmachen, die typische Atmosphäre von Los Angeles ins Bergische Land zu transportieren, ist einfach unglaublich.

„FFLYOVER“ bezeichnet ja ein Bauwerk, das Verkehrswege überfliegt. Sie nehmen den Ausdruck aber wörtlich und spielen damit auf den architektonischen Austausch zwischen Düsseldorf und Los Angeles an, oder?



Ich habe die Ausstellung FLYOVER genannt, weil der Ausdruck in diesem Zusammenhang in beiderlei Hinsicht einen Sinn ergibt. Mir geht es natürlich darum, wie die Architekten damals vom Düsseldorfer Flughafen aus nach LAX geflogen sind und um den architektonischen Austausch zwischen den beiden Städten, der ja in beiden Richtungen stattgefunden hat.



Allerdings ist die Ausstellung auch dem Tausendfüßler gewidmet, der eleganten Hochstraße, die sich direkt am Schauspielhaus befand und dessen Abriss ich bis heute nicht verwunden habe. Der Tausendfüßler, entworfen von Friedrich Tamms, gebaut 1961/62, war ein typischer Flyover. Mit dem Tausendfüßler schwebte man schwungvoll an der modernen Vorhangfassade des Dreischeibenhauses vorbei und fühlte sich einen Moment lang wie in einer Amerikanischen Großstadt. Ich war begeistert zu sehen, dass Tamms auch eine Rolle in der Geschichte rund um Neutra und das Schauspielhaus gespielt hat. Neutra hat ausführlich mit dem Stadtbaudirektor Mr. Tamms korrespondiert (auch per Drahtnachricht) und tatsächlich war es auch Tamms, der den Kalifornischen Architekten Familie Henkel vorstellte.













Der Tausendfüßler von Friedrich Tamms, Aufnahme von 2012










Sie selbst sind für die Ausstellung nach Los Angeles geflogen und haben Dion Neutra, den Sohn von Richard Neutra, getroffen. In Düsseldorf sprachen sie den Architekten Walter Brune. Wie setzen Sie Ihre Rechercheergebnisse künstlerisch in Szene?

In all meinen Projekten geht es immer um außergewöhnliche Gebäude, aber auch um deren Architekten und Bewohner. Die bei meinen Besuchen verschiedener Häuser in Los Angeles und Düsseldorf entstandenen Aufnahmen habe ich zu einem langen Film zusammengefügt, in dem ich meine Architekturrecherche und eben auch meinen Flug nach LAX dokumentiere. Mir ist es immer wichtig, Architektur anschaulich und in einem lebendigen Zusammenhang zu zeigen und auch die Ausstellung im Stadtmuseum Düsseldorf wird sehr opulent. Ich zeige Fotos und Videos zusammen mit einer großen Rauminstallation, die Düsseldorfer Hollywood-Schauspielerin Luise Rainer spielt dabei eine Rolle und dann wird es auch noch eine Überraschung geben, die ich jetzt noch nicht verraten möchte. Zur Finissage der Ausstellung wird darüber hinaus Bazon Brock einen umfassenden Vortrag halten.






Interview: Thomas Frank

















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