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MODE KUNST ARCHITEKTUR

Dieser Blog ist dem Material gewidmet, der Konstruktion, der Technik, der Opulenz und der Schönheit, dem Spektakulären, Aufregenden, Anekdotischen, den kleinen Details und dem großen Gesamteindruck, der Bewegung, der Farbe, dem Vergangenen und der Zukunft.

Donnerstag, 18. Oktober 2012

Richard Gottlob und Horst Klement: Habiflex, Wulfen 1974

Das Habiflex ist meines Erachtens eines der schönsten und zukunftsweisendsten Gebäude, die ich kenne. Vor allem aus der Vogelperspektive gesehen entfaltet es seine gesamte Rafinesse, wird einem doch dann erst das geschickt komponierte System aus Terrassen, Stegen, Kuben und Flächen bewusst.

In den hohen offenen Wohnzimmern des Habiflex mit ihren Waschbetonwänden und freischwebenden Treppen, über die man zu den Dachterrassen und oberen Stockwerken der Penthäuser gelangt, habe ich schon sehr viel Zeit verbracht, allerdings nur in meiner Phantasie. Seit einigen Jahren sind die unteren beiden Etagen der Wohnanlage zugemauert und erst vor einigen wenigen Monaten verschwand auch die allerletzte Öffnung im Mauerwerk. 
Wir sind in Wulfen, der Neuen Stadt, die in den Sechzigerjahren als ein Versuchfeld des zukunftorientierten Bauens im Norden des Ruhrgebiets angelegt wurde und von Anfang an mit einer zu geringen Bevölkerungsdichte kämpfen musste (Link). Zwei Wohnbauten stachen damals in der sorgsam angelegten Bergbausiedlung besonders hervor: die eine, die Metastadt, ist längst abgerissen, die  andere, das Habiflex, ist zugemauert und dem Verfall preisgegegben.


Als das Habiflex im Jahr 1974 gebaut wurde, glaubten die beiden Architekten des Gebäudes, Richard Gottlob und Horst Klement aus Gelsenkirchen, so sehr an ihre innovativen Ideen und die Schönheit ihres Entwurfs, daß sie ihr eigenes Kapital in dessen Verwirklichung investierten. Vierzig sogenannte Etagenbungalows beinhaltete die Wohnanlage, wobei die Silbe „flex“ für die Beweglichkeit der Wände und Fenster stand. Dabei konnte man nicht nur ganz nach Bedürfnis den Wohnraum aufteilen, auch den Balkon konnte man nach Wunsch in einen Wintergarten verwandeln, je nachdem wie man die Fenterscheiben in ihren Schienen verschob. 


Das Aufeinanderstapeln von Bungalows erinnert  an LeCorbusiers Idee, in modernen Städten mehrere Villen inclusive Gärten übereinaderzubauen. Und auch das gesamte Erdgeschoß als Garage zu nutzen und zudem eine Brücke zu planen, die vom ersten Stockwerk ausgehend die anliegende Jägerstraße überspannt, lässt einen an die visionären Ideen aus einer Zeit denken, in der Städte noch autogerecht sein sollten. Von den unangenehmen Dämpfen erzählt man sich in Wulfen, dem heutigen Barkenberg, die morgens in die Fenster stiegen, wenn die Leute zur Arbeit fuhren. Welches andere Verkehrsmittel jedoch hätten Klement und Gottlob für den Bewohner des Zukunftsviertels einplanen sollen, in einer Gegend, in der um die bebaute Zivilisation herum nur Kühe weiden und eine Eisenbahnlinie in weiter Ferne vorbeiführt? Von Schwitzwasser spricht man in Barkenberg, das sich in den flexiblen Räumen sammelte, von Insektenbefall, von wechselnden Eigentümern und vom langsamen Herunterkommen der gesamten Anlage. Mein Zeitzeuge Oliver, der in Wulfen aufgewachsen ist und als Jugendlicher beim örtlichen Pizzaservice gearbeitet hat, erzählt mir immer wieder von einem Pärchen, das ihm im Habiflex bei seinen Lieferungen stets halbnackt aber gutgelaunt im Treppenhaus entgegengekommen sei. 


Könnte man das Habiflex gleich einem Futuro doch einfach auf einen Sattelschlepper laden und irgendwo aufbauen, wo seine Schönheit und Qualität geschätzt würden. Ich wäre die erste Mieterin.

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